Piraten entern

Das Schöne des Hypes um die Partei mit dem orangefarbenen Logo ist, das man (und hoffentlich auch zunehmend Frauen) einfach mal unverbindlich bei einem Treffen im Neuköllner Kinksi vorbeischauen kann, ohne sofort vereinnahmt  zu werden. Also beschließen drei um die Fünfzigjährige und ein Sechzehnjähriger sich einen informativen Abend zu erlauben. Irritierend wirkt ein Kamerateam, dass ungeniert in alle möglichen Gesichter filmt und denen nachläuft, die als Oponionleader o.ä. gelabert werden. Abgesehen davon besagt der erste Eindruck: Chaos. Dazu passt, dass Club Mate – Lieblingsgetränke der vereinigten Nerds dieser Stadt – bereits eine halbe Stunde nach Öffnung des Treffs knapp zu werden droht.

Nachdem wir noch zwei Flaschen ergattern durften herrscht Ratlosigkeit. Meine Begleitung und ich rätseln wen man wie am besten ansprechen kann, um zu erfahren, ob es noch ein Informationsgremium gibt, welches Interessierte anspricht. Währenddessen wieselt der Kameramann durch die engen Räume und hält voll auf unsere Gesichter. Toll, wahrscheinlich suggeriert mein eng gestreiftes Shirt Piratenlook. Weit gefehlt und ich bereue mein Outfit. Beim Schreiben laufen parallel die Tagesthemen. Oh je, was muss ich sehen: Bilder frisch aus dem Kings-abend von gestern. Sehr amüsant. Und Glück gehabt: Die Szenen bei denen ich zufällig vor der Linse stand sind nicht dabei. Fazit: Es lohnt sich doch erst mal nicht durch Fragen aufzufallen. Typisch deutsche (Un)Tugend.

Zurück zu den Eindrücken von gestern: Nach einiger Wartezeit startet eine Frage-Antwort-Runde bei der sich zwei männliche Piraten dem Publikum stellen. Dabei lernt man einiges über Grundsätzliches aus dem Parteileben, über Transparenz und Stimmenkumulation. Klingt alles hübsch basisdemokratisch. Nur diese Sprache. Ohne mich als Oberfeminist zu gerieren, fällt es doch ein wenig peinlich auf, dass beide Redner immer wieder Piratenidentitätsmuster beschwören und eben ausschließlich in der männlichen Form sprechen – trotz des kleinen Umstandes,  dass rund 30 % der Anwesenden Frauen sind. Meine beiden weiblichen Begleiterin mokieren sich natürlich darüber, recht haben sie. Wenigstens etwas sozial erwünschtes Sprechen dürfen sich auch Nerds leisten.

Abgesehen davon ist der Gestus, der einladenden und der Aufruf zur Mitarbeit an das interessiert Publikum seitens des Piratenredners durchaus unaufdringlich und sympathisch. Nachdem das Team rbb-Team seine Kamera beiseite gelegt hat, wird die Stimmung auch unverkrampfter. Eine Piratin feiert nebenbei ihren Geburtstag, was dazu führt, dass die Zahl der Diskutanten von Seiten der Partei auf einen schrumpft, während der andere mit einer Sektflasche von dannen zieht. Bemerkenswert und immerhin ein Schritt in Richtung Nerds with Attitude. Abgesehen davon kommen wenige Inhalte zur Sprache, dafür wird umso mehr Strukturelles zu Formen und Möglichkeiten der parteilichen Mitarbeit verraten, Gut zwei Dinge habe ich gelernt: Erstens kann man sich den Inhalten der Partei sehr gut auch auf virtuellem Weg annähern. Mailinglisten, Foren und ein Wiki laden dazu ein. Dieser Weg scheint gleichzeitig notwendig. Sonst sucht man die AnsprechpartnerInnen für das eigene Interessenfeld vermutlich in einem Heuhaufen. Zweitens, stellen die Piraten derzeit eher ein Netzwerk dar, denn eine klassische Partei. Es wäre, wenn auch unrealistisch, zu hoffen dieser Zustand möge anhalten und dem engen Korsett des Parlamentarismus widerstehen. Auch mein Entschluss steht fest, mir dieses seltsame politische und soziale Gebilde noch ein oder zweimal näher anzusehen. Ein wenig würde ich mir, auch wenn mir jegliche Form der Sozialdemokratie fernsteht, doch wünschen, dass deren Berliner Bürgermeister einmal via Twitter oder Facebook ebenso öffentlich und direkt angeprangert würde, wie dies dem Oberpiraten Nerz gerade geschah, nachdem er laut über mögliche Koalitionsbeteiligungen raunte.

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