Peter Nowak: Kurze Geschichte der Antisemitismusdebatte in der deutschen Linken

Die Debatte um Antisemitismus in der bundesdeutschen Linken ist nunmehr hat die Linke einschneidend verändert und ausdifferenziert sowie zum Teil skurrile Blüten getragen. Der Journalist Peter Nowak zeichnet die groben Linien dieser Debatte in einem schmalen Band von 94 Seiten nach. Dabei bezieht er sich in erster Linie auf Diskussionen der radikalen, außerparlamentarischen Linken seit den 1980er Jahren.

Er skizziert ausgehend von der Rezeption des Textes „Antisemitismus und Nationalsozialismus“ von Moishe Posten die Debatten in den 1970er Jahren, die Kritik von Teilen des Kommunistischen Bundes (KB) am Nationalismus der westdeutschen Friedensbewegung zu Beginn der 80er Jahre und die Auseinandersetzungen um die israelfeindliche Boykottparole an den Häusern der Hamburger Hafenstraße. Dabei streift er eher die Diskussionen rund um die Aktionen der militanten Linken wie den Revolutionären Zellen (RZ) oder in einem Rückblick die Debatten um die antisemitisch ausgerichteten Anschlagsversuch der Tupamaros Westberlin Ende der 60er Jahre.

Deutlich herausgearbeitet wird die Bedeutung geschichtspolitischer Diskurse nach der Auflösung der DDR und der Vereinigung. Dazu gehören im Wesentlichen der Streit um die  Ausgestaltung der Neuen Wache in Berlin durch Helmut Kohl mit der geplanten Inschrift „Den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft“, die Rezeption von Daniel Goldhagens Buch „Hitlers willige Vollstrecker“, der den Begriff des eliminatorischen Antisemitismus prägte und die Kritiken an der Frankfurter Paulskirchenrede des Schriftstellers Martin Walser am 11. Oktober 1998 aus Anlass der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels.

In diesen sowie anderen Debatten kristallisierte sich innerhalb der Linken erst eine radikal antinationale Strömung heraus, aus der später die Antideutschen, bzw. der israelsolidarische Flügel der Linken entstanden. Vor allem autonome Antifa-Gruppen, die mit dem manifesten Rassismus und völkischen Denkstrukturen der deutschen Bevölkerung post 1989 konfrontiert waren positionierten ausgehend von ihren Alltagserfahrungen  antideutsch.

Breiten Raum nehmen die Debatten und Auseinandersetzungen infolge der islamistischen Anschläge des 11. September ein, in deren Zuge ein Teil des antideutschen Spektrums um die Zeitschrift Bahamas sich vom Projekt einer radikalen Linken in Deutschland verabschiedete, um diese fortan diskursiv zu bekämpfen. Sein Hinweis darauf, dass jüdische Positionen für bundesdeutsche Linke strömungsunabhängig häufig funktionalisierend zur Absicherung der eigenen Positionierung dienen ist leider zu wahr. Nowak zeigt die offene Flanke mancher israelsolidarischer Positionierung zu rassistischen und rechten Positonen auf, ohne die israelsolidarische Linke insgesamt zu denunzieren.

Im Gegenteil. Es werden die Notwendigkeit und die Ausdifferenzierung der Diskussion nachgezeichnet. Wenig Beachtung finden im Buch Gegenpositionen aus dem traditionslinken oder antiimperialistischen Spektrum, welches häufig für problematische bis antisemitische Kritiken an Israel stand oder steht. Allerdings macht Nowak in der eigenen Positionierung deutlich, dass regressive Formen der Israelkritik oder des Antizionismus „ausschließlich die israelische Politik in den Fokus der Kritik stellen und dabei die Aktuer_innen auf palästinensischer Seite unterschlagen“.

Nowak, selber linker Aktivist, schlägt zur Versachlichung der Debatte eine Unterscheidung linker Kritik in einen regressiven und einen nicht-regressiven Antizionismus vor. Seine Argumentationslinie, dass es sowohl in linken jüdischen oder religiösen Strömungen Antizionismusvorstellungen gegeben habe, ist in der Sache richtig. Ebenso die Argumentation, dass linke Antizionismusvorstellungen oft in anarchistische, sozialistische oder kommunistische Befreiungsvorstellungen, auch der israelischen Linken, eingebettet seien und mit einer generellen Herrschafts- und Machtkritik verbunden werden. Der Bezug auf die kleinen Gruppen der israelischen Linken, die Nowak im Rahmen einer Diskussion im Berliner Buchladen Schwarze Risse als Referenzrahmen nahm, geht jedoch über die Problematik hinweg, dass die auch die zionistische Linke in Israel den aktuellen Regierungspolitiken und der zunehmenden Rechtsentwicklung im Land kritisch gegenüber steht und zunehmend marginalisiert wird. Die Kritik der Nation birgt als universalistisches Projekt die selbe Problematik in sich, wie jeder Universalismus. Sie verkommt in ihrer Absolutierung schnell zum Dogmatismus, wird autoritär und affirmativ. Jene Teile der Antideutschen, die sich vom Projekt gesellschaftlicher Emanzipation verabschiedet haben zeugen davon. Linke sind gut beraten Universalismus und Partikularismus in einem dialektischen Verhältnis zu denken. Dennoch macht es Sinn sich mit Nowaks Position sachlich auseinanderzusetzen. Zur Öffnung der Debatte sind sie allemal geeignet. Um diese nicht moralisierend oder ideologisch zu führen ist es ohne Frage notwendig zu reflektieren, dass gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse keine Angelegenheit von jeweils unterschiedlich definierten Anderen sind, sondern durch uns hindurch gehen.

Jenseits dessen ist die Kurze Geschichte der Antisemitismusdebatte in der deutschen Linken ein ausgesprochen lesenswertes Buch. Es fasst die wichtigsten Aspekte der rund 25 Jahre andauernden Debatte zusammen und ermöglicht gerade jüngeren Leserinnen und Lesern die Entwicklung bis heute nachzuvollziehen. Dies ist dringend notwendig, denn die Kritik des Antisemitismus, gleich wo er auftritt bleibt eine der wichtigsten Aufgaben der außerparlamentarischen Linken.

Peter Nowak: Kurze Geschichte der Antisemitismusdebatte in der deutschen Linken. Münster (2013) edition assemblage, 9.80 €.

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