Gedanken zum Beitrag „Erinnerung – Mehr als ein Ritual“ auf publikative.org

Den beiden grünen Autoren ist mit ihrem Beitrag „Erinnerung – Mehr als ein Ritual“ auf publikative.org ein wahrer Schildbürgerstreich geglückt.

Im Versuch die Erinnerung und das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus und der deutschen, antisemitischen Vernichtungspolitik der Ritualisierung zu entreißen ist ihnen eine im mahnenden und kritischen Mäntelchen daherkommende, desto dramatischere Banalisierung und Ideologisierung geglückt, die Geschichtspolitisches mit Pädagogischem bis zur Unkenntlich vermischt. So wird einem am Ende einen Cocktail affirmativen Gedenkens serviert, zu dessen Zutaten es gehört die Unterschiede zwischen NS und Stalinismus in der Rede von „post-totalitären Demokratien“ zu nivellieren und ihn mit einer Kirsche aus Ressentiment zu garnieren.

Allein der Umstand in einem Artikel aus Anlass des 8. Mai nicht ein Wort über den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion zu verlieren und die Rolle der Roten Armee zu erwähnen ist, für sich schon ein Husarenstück. Dies aufzuzeigen wäre sehr gut möglich, ohne der Funktionalisierung des von Nationalismus durchsetzenden aktuellen Gedenkens im postsowjetischen Russland oder gar dem Stalinismus Tribut zu zollen. Lieber leisten die Autoren einen Beitrag zur deutschen Erinnerungskultur, die die Form des Vernichtungskrieges im Osten als antisemitischen und zugleich antibolschewistischen, sprich antikommunistischen, Krieg zu gerne ausblendet. Adorno, von beiden zu Unrecht für ihre Sache eingespannt, merkte dazu in seinem berühmten Aufsatz „Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit“ an: „Der Widerstand gegen den Osten hat in sich selbst eine Dynamik, welche in Deutschland das Vergangene erweckt. Nicht bloß ideologisch, weil die Parole vom Kampf gegen den Bolschewismus von jeher denen zur Tarnung verhalf, die es mit der Freiheit nicht besser meinen als jener.“

Mit der Aussage eine besondere Herausforderung für die Erinnerung sei es „an die Erlebniswelten der Menschen mit Migrationshintergrund anzuknüpfen“, suggerieren die Autoren, vermutlich den kommunikationstheoretischen Begriff Lebenswelt von Habermas’ meinend, eine Besonderheit von Migrationen und Migranten, die eine Art Sonderpädagogik nötig hätten. So als seien Ein- und Zugewanderte eine Art Aliens mit besonderem Erlebnishunger nach Aufklärung über die Taten der mehr oder weniger autochthonen Eltern- und Großelterngeneration. Vielmehr dient die Positionierung zum Zivilisationsbruch im vereinten Deutschland, verkürzt formuliert, zugleich als Eintrittsticket, wie als Ausschlusskriterium für jugendliche Migrant_innen. Dabei wird Menschen aus Familien mit Migrationshintergrund normativ und durchaus nachvollziehbar abverlangt eine kritische Position zum Zivilisationsbruch einzunehmen, ohne allerdings den biografischen und historischen Narrativen der Zugewanderten auch nur ein Jota an Aufmerksamkeit und Anerkennung zu zollen. Was hier zu verhandeln ist, ist nicht allein die rassistische und strukturelle Ausgrenzung von Migrant_innen in der postnazistischen Gesellschaft und auch nicht allein die Selbstverständlichkeit einer Anerkennung der Präzendenzlosigkeit der Vernichtung der europäischen Judentuns, sondern dass diese nicht nur nicht in einem voraussetzungslosen Gedenken mündet, vielmehr in einer Funktionalisierung für heutige Zwecke mündet, wovon in der Vergangenheit gerade grüne Politik gezeugt hat.

Wenn wir denn unser Denken so einrichten wollen, dass sich Auschwitz nicht wiederhole, wie de Autoren Adorno zitieren, reicht es sicherlich nicht aus eine moderne Erinnerungsarbeit mit Comics, modernen Verfilmungen etc. zu kreieren, die eine „Verbindung zum Heute herstellen und Handlungsmotivierend wirken“ muss. Das hieße nicht alleine den Gegenwartsbezug historischen Lernens falsch zu interpretieren und die Möglichkeit von Pädagogik zu strapazieren. Sicherlich, Graphic Novels und digitale Medien stellen für die Bildungsarbeit gute und wichtige Möglichkeiten dar, sich der Vergangenheit anzunähern. Pädagogik und Bildungsarbeit können allerdings nicht ersetzen, was im Gesellschaftlichen versäumt, bzw. nicht gewollt wird, nämlich die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse so einzurichten, dass sich Auschwitz nicht wiederhole. Damit war von Adorno, was die Autoren wohl kaum meinen, auch intendiert, dass es die Totalität des Kapitalismus, (bzw. die verwaltete Welt ist, wie sie der Kritische Theoretiker nannte), der diese Verhältnisse bedingt oder anders gesagt, „dass die Zivilisation ihrerseits das Antizivilisatorische hervorbringt und es zunehmend verstärkt.“ (Adorno: Erziehung nach Auschwitz)

Den beiden Autoren sei ein früher Imperativ des langjährigen Weggefährten von Adorno, Max Horkheimer auf den Weg gegeben: Wer vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen“.

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