Veranstaltungsnachlese: ‚Flucht vor Nazi-Deutschland – Flucht in die Festung Europa‘

Der Berliner Buchladen Schwarze Risse hat am vergangenen Dienstag zu einer Veranstaltung geladen mit dem Titel ‚Flucht vor Nazi-Deutschland – Flucht in die Festung Europa‘. Als Referenten waren geladen: Der Historiker Ahlrich Meyer und Helmut Dietrich, Mitbegründer der Berliner Forschungsgesellschaft „Flucht und Migration“. Von Meyer erschien in 2013 gemeinsam mit Insa Meinen das Buch „Verfolgt von Land zu Land. Jüdische Flüchtlinge in Westeuropa“. Moderiert wurde die Veranstaltung von Max Henninger. Im Mittelpunkt stand die Ausgangsthese, dass im Jahrhundert der Flüchtlinge, markiert durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges, alle großen Fluchtbewegungen vor der Drohung von Genoziden stattfanden und finden würden. Der Verknüpfung von Geschichte mit gegenwärtigen Ereignissen wohnt meist etwas Heikles inne, vor allem dort wo die Diskussion sich um die Vernichtung der europäischen Juden dreht. Dass es in diesem Rahmen nicht um falsche Analogien gehen würde, stellte sich bereits in der Anmoderation heraus. Das brachte es mit sich, dass beide Vorträge aus höchst unterschiedlichen Perspektiven gehalten, unverbunden nebeneinander stehen blieben.

Meyer referierte eindrucksvoll Aufbau und Essentials des Bandes „Verfolgt von Land zu Land“. So ist trotz ausführlicher Forschungen über den Verbrechenskomplex, den wir inzwischen mit Begriffen wie Holocaust oder Shoah umschreiben, das Schicksal derjenigen Jüdinnen und Juden aus westeuropäischen Ländern, die sich durch Flucht der deutschen Barbarei zu entziehen hofften, im Detail vergleichsweise wenig erforscht. Dabei stellen die Fluchten und Emigrationen angesichts des unbedingten und totalen Verfolgungswillens den Versuch dar, sich ein Moment von Subjektivität und Widerständigkeit zu bewahren; sei es in der jüdischen Beteiligung an Passfälschung oder dem, meist nur durch Geldleistungen möglichen, Verstecken von jüdischen Kindern bei nichtjüdischen Familien durch die Angehörigen. Meyer versucht hier die Perspektive der Verfolgten darzustellen, man kann die ausdrückliche Anlehnung an den Historiker Saul Friedländer schwerlich übersehen Auf dem Feld der Bewahrung von Subjektivität und Gegenwehr gegen Verfolgung und Genozid wären auch die Überträge auf die Situation von Flüchtlingen vor der Festung Europa produktiv zu diskutieren gewesen. Eine Gelegenheit, die von allen Beteiligten, dem Publikum inklusive vergeben wurde.
Der Vortrag von Helmut Dietrich, der die Fluchtbewegungen aus Afrika und Asien über das Mittelmeer beleuchtete streifte ebenfalls das Motiv von Subjektivität und Widerständigkeit Geflüchteter, ohne es jedoch ausdrücklich auszuführen. Das verwundert, tritt doch Dietrich dafür ein jenen, die nach Europa emigrieren wollen das technische Know-how in Form von Laptops zur Verfügung zu stellen, damit Schiffsbewegungen auf dem Mittelmeer beobachtet werden können.

Eine weitere Klammer zwischen Geschichte und Gegenwart liegt sicherlich staatsoffiziellen Erinnerungs- und Gedenkkultur an den Holocaust und anderes NS-Massenverbrechen. Die Selbst- und Fremdstilisierung Deutschlands zum Weltmeister der „Aufarbeitung“ der eigenen Verbrechen ist längst selbst zur Ideologie geworden. Hier geht es längst nicht um das intentionslose Gedenken. Vielmehr fördert die verstaatlichte Erinnerungskultur, häufig gegen den subjektiven Willen beteiligter linksliberaler Akteure im Bereich der Gedenkstätten, im Übergang vom kommunikativen zum kulturellen Gedächtnis einen Prozess dessen Beginn mit der Kriegsführung wegen Auschwitz einen ersten Kristallisationspunkt fand. Menschenrechtliche Erklärungen und Standards, begründet als Konsequenz aus dem Zivilisationsbruch, finden ihre Anwendung in erster Linie nach innen, also in die Europäische Union hinein – und auch dort nur selektiv wie der Diskurs um die angebliche Ausnutzung bundesdeutscher Sozialsysteme durch Migrant_innen aus Südosteuropa. Das Wissen um das Schicksal und das Sterben an den EU-Aussengrenzen ist ebenso bekannt, wie die dafür verantwortlichen weltweiten ökonomischen Ungleichheiten. Unter dem Banner der Menschenrechte interveniert die EU immer wieder in (bürger-)kriegerischen Situationen und perfektioniert gleichzeitig die Abschottungsmechanismen. Will man denn eine gedachte Linie aus der Vergangenheit zu heute ziehen, so mag es die sein, dass sich Versagen und Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal von Menschen, die zur Flucht gezwungen waren und sind, nicht wesentlich geändert haben. Sowie die Teilnehmer an der Konferenz von Evian im Juli 1938 sich der Not der jüdischen Flüchtlinge aus Nazi-Deutschland bewusst waren, gibt es auch heute in Europa das Wissen um die Bedrohung von Millionen Menschen durch Bürgerkriege, politische Verfolgung und ungleiche ökonomische Eigentumsverhältnisse. Zurückgewiesen wurden und werden Flüchtlinge aus machtpolitischen und ökonomischen Erwägungen.

Für die Linke wäre es in diesem Zusammenhang eine geschichtspolitische Aufgabe die verstaatlichte Gedenkkultur zu denunzieren – inklusive der sich verfestigenden totalitarismustheoretischen Deutungen im neuen europäischen Narrativ – als Moment der ideologischen Absicherung der gar nicht mehr so neuen Vormachtstellung Deutschlands und die Erinnerung an die Ermordeten als Teil einer Sozialgeschichte von unten wachzuhalten.
Hier seitens einer unabhängigen Linken zu intervenieren könnte substantiell zur Stärkung antirassististischer Kämpfe und zugleich gegen einen Beitrag immer noch virulenten Antisemitismus leisten, ohne die Bekämpfung beider Ideologien gegeneinander auszuspielen.

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