Totalitarismus, neu

„Das ‚Ende der Nachkriegszeit‘ war mit dem wirtschaftlichen und politischen Sieg über den Ostblock tatsächlich datierbar besiegelt. Die Rede von den zwei Diktaturen auf deutschem Boden erledigte die Topoi ’singuläres Verbrechen‘ und ‚Zivilisationsbruch‘, sie erneuerte zugleich die Figur einer sich gegen Links und rechts verteidigenden (und durchsetzenden) Republik. So sehr dieser nachholende Antitotalitarismus sich mit Bezug auf sie DDR-Geschichtsschreibung als überschießender Denunziationseifer bemerkbar machte, so alltäglich war Antitotalitarismus plötzlich wieder für die politische Positionierung des Staates gegenüber neofaschistischer Gewalt: Der Staat muss sich gegen rechts du links wappnen (was er gegen rechts zunächst voller sozialpädagogischer Anteilnahme machte). Antifaschistische Initiativen und Gruppen gegen Fremdenhass und rechte Gewalt sahen (und sehen sich heute verstärkt) in die Nachfolge eines Antifaschismus in Anführungszeichen gerückt, auf die Seite der Extremisten, ihnen gegenüber der demokratische Staat. Das Universum der Gedenkstätten koexistiert in einer Parallelwelt, die pädagogischen Tagesmitteilungen des Feuilletons fordern als Lehre aus der Vergangenheit, ganz allgemein Zivilcourage und Toleranz zu fördern. Der praktisch tätige Antifaschismus kommt über den als moralische Basis für gegenwärtige Auseinandersetzungen gemeinten Verweis auf den historischen Schrecken oft nicht hinaus. Inwiefern das Vergangene nicht abgeschlossen ist, wie sich auf NS und Erinnerungspolitik angesichts der Lage in vielen Ortschaften und Kleinstädten, die von deutschnationaler Ausschliessungskultur geprägt sind, zu beziehen wäre, ist keiner Formel mehr zu entnehmen.“

(Christoph Schneider: Die Aneignung, in: Gottfried Oy, Christoph Schneider: Die Schärfe der Konkretion. Reinhard Strecker, 1968 und der Nationalsozialismus in der bundesdeutschen Historiographie, S. 240)

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